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auf der Webseite von der Gemeinde Lavin im Unterengadin.






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Lavin
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GESCHICHTE

Auszug aus: (c) Schweizerische Kunstführer 381 / 382 , Lavin GR, Autor Nott Caviezel, herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizer Kunstgeschichte (GSK), Bern 1985.

Link: www.gsk.ch



Mit freundlicher Genehmigung durch die GSK und dem Autor, Herrn Dr. Nott Caviezel.
Erhältlich bei der Gemeindekanzlei Lavin.


LAGE UND NAME

Lavin ist ein Bauerndorf im mittleren Unterengadin und liegt auf 1432 m ü.M. (Kirche). Es dehnt sich auf einer langgezogenen Hangterrasse der linken Talseite aus, etwa 40 m über dem Inn, der in ruhigen, weiten Schleifen durch eine prächtige und abwechslungsreiche Flusslandschaft zieht. Das Dorf Lavin ist im Zug und auf der Strasse bequem zu erreichen und ist als Ausgangspunkt für Wanderungen (Lais da Macun) und die Besteigung der imposanten Pyramide des Piz Linard, des höchsten Gipfels der ganzen Silvrettagruppe (3410 m ü.M.), beliebt. Im 12. Jahrhundert wird der Ort urkundlich mit „Lawinis“ bezeichnet, dessen pluralische Form auf „labinas“ zurückgehen könnte, das in römischer Zeit von „labi“ abgeleitet soviel wie Rutschungen bedeutet. Der Name würde sich somit auf die jährlich niedergehenden Lawinen an den zwischen Lavin und Gonda steil abfallenden Runsen und Grashängen des Piz Chapisun beziehen. Eine andere Ableitung geht vom lateinischen „lapidinum“ (in den Steinen) aus.


ZUR GESCHICHTE

Die Geschichte eines kleinen Gemeinwesens wie Lavin ist vorerst von lokaler und regionaler Bedeutung. Ereignisse und Namen, die im Dorf über Jahrhunderte hinweg die Vergangenheit lebendig erhalten, verlieren im grösseren Zusammenhang der Geschichte an Gewicht. Trotzdem: im engmaschigen Netz der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bezüge der alpinen Region, ja zuweilen gar mit dem Geschick grosser europäischer Machtpositionen verquickt, ragen von Zeit zu Zeit Begebenheiten heraus, deren Anlass und Verlauf weit über die lokalen Grenzen von sich reden machten. Einzelne Schlaglichter, die im Rückblick besonderen Rang einnehmen, sollen im folgenden die vergangenen Zeiten Lavins illustrieren.

Frühe Besiedlung und wechselvolles Mittelalter

Leicht oberhalb des rechtsufrigen Dorfteils „Plans“ erheben sich drei lang gestreckte, teilweise bewaldete Hügel, die den Namen „Las Muottas“ tragen. Eine 1938 in einem frischgepflügten Acker des südwestlichen Hügels gefundene prähistorische Tonscherbe gab Anlass, in den Jahren 1938 und 1939 dort archäologische Grabungen durchzuführen. Zahlreiche Keramikfunde, die sich heute im Museum Engiadinais in San Murezzan (St. Moritz) befinden, liessen auf eine Siedlung aus der mittleren Bronzezeit schliessen (ca. 1600-1300 v. Chr.). Das damalige Auffinden einer einzigen Silexklinge ist ein zu schwaches Indiz, bereits für die Steinzeit (ca. 4500-1800 v. Chr.) eine Besiedlung anzunehmen.
Seit dem Jahre 15 v. Chr. gehörte das Tal zur römischen Provinz Raetia. In Lavin haben sich aus der archäologisch im Engadin allgemein schlecht erforschten Römerzeit keine Zeugen erhalten.
Im Mittelalter war das Engadin von wechselvollen Besitzverhältnissen gekennzeichnet: Seit 960 gehörte das Tal zur Grafschaft Vintschgau, deren Besitzrechte seit 1140 jedoch die Grafen von Tirol vertraten. 1363 übertrug Margareta Maultatsch als letzte Vertreterin des Tiroler Grafengeschlechts das Unterengadin an die Herzöge von Habsburg-Österreich. Im 13. und 14. Jahrhundert dürfte sich, zusammen mit anderen eher als Hofsiedlungen zu bezeichnenden Orten, auch Lavin zu einem geschlosseneren Dorf entwickelt haben. Die für Graubündens Geschichte bedeutungsvolle Entstehung der drei Bünde (Gotteshausbund, dem das Engadin angehörte, 1367; Oberer oder Grauer Bund 1424; Zehngerichtenbund 1436) und ihr formeller Zusammenschluss zum rätischen Freistaat (1524) waren die äusseren politischen Anzeichen für die Erstarkung des Passlandes. Der schliesslich siegreich überstandene Schwabenkrieg (Chalavaina, Schlacht an der Calven 1499) hatte neben anderen Engadiner Dörfern auch Lavin eingeäschert. Eine erste Bewährungsprobe für die erst wenige Jahre alte Republik brachte die in ihrem nördlichen Teil einsetzende Glaubensspaltung.

Lavin, Gallicius und die Reformation

Lavin nimmt zusammen mit der Nachbargemeinde Susch in der Geschichte der Reformation des Engadins und dank den Persönlichkeiten verschiedener herausragender Prädikanten gar des ganzen Freistaates der Drei Bünde eine bemerkenswerte Stellung ein.
Philipp Gallicius, der 1504 in Puntvilla im untersten Münstertal geboren wurde und später als wandernder Scholar vermutlich bis nach Wittenberg zu Luther und Melanchthon gelangt war, versorgte seit 1524 als junger Kaplan die Oberengadiner Pfarrgemeinde Chamues-ch. Seine vom neuen Glauben geprägten Predigten veranlassten jedoch die Behörden, ihn im März 1526 aus dem Engadin zu verbannen. Der kaum einen Monat später dekretierte Bundestagsbeschluss, im Gebiet der Drei Bünde Glaubensfreiheit gelten zu lassen, erlaubte aber die Rückkehr des Gallicius. 1529 wurde der junge Prediger als Pfarrer nach Lavin berufen. Lavin und Guarda führten im selben Jahr 1529 als erste Gemeinden des Engadins den reformierten Glauben ein.

Bündner Wirren und Rekatholisierung


In den umgreifenden Konflikt des Dreissigjährigen Krieges verwickelt, erlebten die Drei Bünde ein turbulentes und zeitweise verheerendes 17. Jahrhundert. Am 26. Oktober 1621 fiel der österreichische Oberst Baldiron mit einem starken Heer ins Unterengadin ein und zog brandschatzend ins Prättigau, um am 31. August des darauffolgenden Jahres mit der Unterstützung des Grafen Alwig von Sulz und gegen 10’000 Soldaten zum bittersten Vernichtungszug für das Unterengadin anzusetzen. Fast sämtliche Dörfer wurden geplündert und in Schutt und Asche gelegt; wer nicht auf grausamste Art niedergemetzelt wurde und rechtzeitig fliehen konnte, floh. „Las Fouras da Baldirun“, noch heute so benannte höhlenartige Felsformationen auf der rechten Innseite, südlich von Lavin, sollen damals den wehrlosen Bewohnern als Versteck gedient haben.
1624 bemühte sich Frankreich um die Befreiung Graubündens von den Habsburgern, was vorübergehend auch gelang. Doch 1629-1631 kam es zur dritten Invasion der Kaiserlichen. Die Prädikanten mussten abermals den Kapuzinern weichen. Erst am 3. Juli 1652 konnte Lavin zusammen mit den anderen Gemeinden des Unterengadins für insgesamt 26'600 Tiroler Gulden losgekauft werden.
Ein letztes Mal hatte das Unterengadin 1798-1800, als sich Frankreich und Österreich abermals gegenüberstanden, erbarmungslos unter kriegerischen Ereignissen zu leiden. Den folgenschwersten Schlag sollte Lavin aber erst ein gutes halbes Jahrhundert später treffen.



DER 1. OKTOBER 1869

„Lavin; eine grauenerregende Ruine; schwarze, nackte Mauern, und solche, die bis auf die Fundamente eingestürzt sind, andere drohen zusammenzubrechen; überall Steinhaufen, entsetzte und verstörte Leute, umherirrendes Vieh, und an vielen Orten brennt und raucht es heute noch. Die Brunnen sind verbrannt und bis aufs Wasser verkohlt; ein fürchterlicher Anblick.“ So lautet ein Teil des ergreifenden Augenzeugenberichtes, den der 59jährige Jon Gaudeng Steiner 14 Tage nach dem verheerenden Dorfbrand aufgezeichnet hat. Das Feuer war um 14.30 Uhr im Haus Lureng Bisatz (heute Bäckerei Giacometti) ausgebrochen und hatte, von einem heftigen Wind genährt, binnen einer Stunde, mit Ausnahme der Kirche und zweier benachbarter Häuser, den ganzen Dorfteil nördlich des Lavinuoz-Baches in ein wütendes Flammenmeer verwandelt.
Die eng verschachtelte Struktur der alten Engadiner Dörfer aus dem 17. und 18. Jahrhundert, dürre Holzschindeldächer, volle Scheunen und eine völlig unzulänglich ausgerüstete Feuerwehr waren für den Brand eine denkbar günstige Voraussetzung. Insgesamt 68 Häuser brannten vollständig nieder, drei ältere Bewohner kamen im Feuer um, und gegen 300 Personen waren obdachlos geworden.

Der Wiederaufbau

Der Wiederaufbau Lavins sollte gemäss Beschluss des Bündner Kleinen Rates nach einem geordneten Plan geschehen. Am 20. März 1870 nahm die Gemeindeversammlung die dritte Fassung des Wiederaufbauplans an. Dieser sah vor, an Stelle der 68 abgebrannten Häuser nur etwa die Hälfte wiederaufzurichten. Auf Geheiss des Kleinen Rates erliess die Gemeinde neue Bauvorschriften, welche für das heutige Aussehen des neuen Dorfteils von grosser Tragweite waren. Darin wurden nicht nur die Strassenbreiten (4,5-5 m) und die Gebäudeabstände (minimal 6,2 m) festgesetzt, sondern mit Bestimmungen über Brandmauern, Feuerungsanlagen, Kamine und Bedachungen bis hin zu Auflagen zur Bauanlage selbst entscheidend auf die Gestaltung der Bauten Einfluss genommen. Erstmals im Kanton Graubünden wurden in Lavin flache, sog. „Holzcementdächer“ gebaut, die etwa zehnmal weniger Holz benötigen als herkömmliche Satteldächer und zudem erlaubten, „einmal aus der primitiven Schindelperiode mit ihrer Feuergefährlichkeit und ihren hohen Assekuranzprämien herauszukommen. Gemeindeprotokolle verraten uns, dass vorwiegend italienische Akkordanten aus der Lombardei tätig waren. Mitten im Dorf heisst noch heute ein Freiraum, auf dem ursprünglich zwei Häuser hätten zu stehen kommen sollen, „La Muschna“ (die Ruine, der Steinhaufen).


EVANGELISCHE PFARRKIRCHE

Geschichte. Wie der Chronist Durich Chiampell schreibt, soll eine erste Kirche nach der Trennung Lavins von der Pfarrei Ardez (1325) gebaut worden sein. Das frühere Patrozinium war St. Georg (das westlich von der Kirche liegende Wiesland heisst noch heute „Pra San Güerg“). Nach den neuesten Forschungen von U. Clavadetscher dürfte die heutige Kirche um 1480, im Jahr der Loslösung Lavins von Susch, errichtet worden sein (und nicht, wie Poeschel meinte, erst um 1500). 1935 wurde dem Glockenturm ein gemauertes Plattendach aufgesetzt, 1955/56 der Gemäldezyklus im Chor freigelegt und von F.X.Sauter ergänzt und restauriert. Seitdem steht die Kirche unter dem Schutz der Eidgenossenschaft.

Wandmalerei des späten 15. Jahrhunderts

Das ikonographische Programm der Malereien ist sehr dicht und in seiner Bedeutung folgerichtig und sinnreich konzipiert. Im Zentrum des ganzen Gewölbes (25), vor einem sattblauen Himmel mit goldenen Sternen, thront im mandelförmigen Strahlenglanz der segnende Pantokrator (25). Die aufgeworfenen, unruhigen Falten seines roten Gewandes geben die grossen nackten Füsse frei, die über den Rand der Mandorla hinausragen. Die Linke Christi hält die Weltkugel und stützt zugleich das aufgeschlagene Buch. Besonders interessant ist die Gestaltung des Antlitzes. In einer höchst seltenen ikonographischen Verbindung der Majestas Domini und der Trinität ist das Haupt der göttlichen Person aus drei Köpfen zusammengefügt, dergestalt, dass vier Augen, drei Nasen und drei Münder der Figur eine unerwartete Dynamik verleihen.
In maltechnischer Hinsicht handelt es sich um eine Kalkmalerei mit traditionellem Malaufbau: einschichtiger, geglätteter und verdichteter Verputz, darüber eine Kalkschlämme, worauf über der roten Vorzeichnung Lokalton, Höhungen und Schattierungen zu liegen kamen. Die sich in Einzelheiten unterscheidende Kalkmalerei-Technik der beiden Hände wird beim zweiten Meister um eine zusätzliche Technik erweitert, denn überall dort, wo dieser bereits bestehende Malereien übermalte, griff er zur Temperamalerei, die deckend ist und matt wirkt. Die zweite Hand war es auch, die Nimben, Gewandsäume, Mantelschnallen und die Sterne des Himmels mit Metallauflagen versah.



GONDA

Das Ruinendorf Gonda liegt an der ehemaligen Hauptstrasse zwischen Lavin und Guarda und ist von der Laviner Pfarrkirche aus zu Fuss in einer guten Viertelstunde zu erreichen. Der Name Gonda ist vorrömischen Ursprungs und bedeutet im Romanischen „Geröllhalde“, „Steinhaufen“. In einer Urkunde von 1161/64 wird der Weiler „Ganda“ erstmals erwähnt. Aus anderen Quellen geht hervor, dass Gonda vermutlich durch das ganze Mittelalter hindurch politisch mit Lavin verbunden war. Die besonders in Urkunden des 13. und 14. Jahrhunderts erscheinenden Standesbezeichnungen gewisser Leute (miles, hoficialis) lassen darauf schliessen, dass Gonda zeitweise nahe an die Bedeutung Lavins herankam und ein Mann wie „Gebhard von Gonda“ (erw. 1317) vielleicht gar Herrschaftsrechte besessen hat.
Rund um den rätselhaften Abgang des Dörfchens haben sich in der Literatur Vermutungen verankert, die im Vergleich mit der spärlichen historischen Überlieferung und den topographischen Gegebenheiten nur bedingt standhalten. Im Jahre 1573 beschrieb der Chronist Durich Chiampell Gonda als grösseren Weiler mit 30 Häusern; 1742 weiss Nicolin Sererhard in seiner „Einfalten Delineation aller Gemeinden gemeiner dreien Bünden“ nur noch von einem „längstens abgegangenen und unbewohnt Nachbarschaftlin Ganda“ zu berichten.
Heute trifft der Besucher auf teilweise stark überwachsene Ruinen inmitten eines von Strauch- und Baumgruppen durchsetzen Wieslandes. Von wenigen Häusern stehen zum Teil noch mehrere Meter hohe Mauern; man erkennt Fenster- und Türöffnungen, errät die Ausrichtung der Gebäude und meint, stellenweise auf den ehemaligen Dorfgassen zu gehen. Etwa 50 m oberhalb des heutigen Weges befindet sich die im aufgehenden Mauerwerk noch weitgehend erhaltene Kapellenruine. Diese wurde im Sommer 1983 vom Archäologischen Dienst Graubünden ausgegraben und auf ihre Baugeschichte hin untersucht.
Die 1983 von der Gemeinde Lavin gegründete „FUNDAZIUN PRO GONDA“ (Stiftung) hat sich „die Aufdeckung der ursprünglichen Struktur des zerstörten mittelalterlichen Dorfes Gonda sowie die Erforschung, Sicherung und Erhaltung seiner Ruinen gemäss den neuesten Erkenntnissen der Archäologie und der Denkmalpflege“ zum Ziel gesetzt. Ab 1986 wird der Interessierte im Rätischen Museum in Chur ein Modell der Siedlung Gonda besichtigen können.

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